1685–1706: Späte Jahre und Erinnerung
Zeitraum: 1685–1706
Der lange Blick
Die späten Einträge bekommen ihr besonderes Gewicht dadurch, dass man beim Lesen bereits weiß, wie weit die Aufzeichnung zurückreicht. Wechsel auf dem Thron, Sorgen in der Familie, Glaube und die Erinnerung an Orte, die früher schon beschrieben wurden, liegen hier übereinander. Es wäre aber falsch, diesen Abschnitt nur als Urteil eines alten Mannes über sein Leben zu lesen. Das praktische und beobachtende Interesse bleibt; das Tagebuch schaut weiter nach außen, auch wenn sich die Stellung des Schreibenden in Familie und Öffentlichkeit verändert hat.
Ebenso vorsichtig sollte man mit der Länge der Einträge umgehen. Knappheit am Ende eines Tagebuchs wird gern als Altersmilde oder als Erschöpfung gedeutet. Verschiedene Gegenstände verlangen aber verschieden viel Raum, und der Text ist zudem durch die Redaktion der gedruckten Ausgabe zu uns gelangt. Eine Veränderung des Tons belegt man besser an konkreten Gegenüberstellungen, als dass man sie zu einer Entwicklungsgeschichte ausbaut, die das Tagebuch selbst nicht trägt.
Worauf beim Lesen zu achten ist
Politische Ereignisse erscheinen in diesem Abschnitt durch die dauerhaften Bindungen des Autors gefärbt. Seine Nähe zu Monarchie und Kirche bestimmt, was ihm als Verlust und was ihm als Ordnung gilt. Diese Färbung ist kein Fehler der Quelle, sondern ein Teil ihrer Aussage: Sie zeigt, wo jemand stand, während er zusah.
Für das eigene Schreiben ergibt sich daraus eine brauchbare Übung. Man kann eine gegenwärtige Einzelheit mit einem früheren Eintrag vergleichen, wenn es ihn gibt, sollte aber keinen Zusammenhang erfinden, wo die Belege dünn sind. Ein langes Heft enthält beides: wiederkehrende Sorgen und zufällige Lücken. Sein Wert liegt darin, diese Unterschiede zu bewahren, statt sie zu einer einzigen Lehre zu glätten.
Frage für das eigene Tagebuch
An welcher Stelle meiner Beschreibung ersetze ich unbemerkt eine Beobachtung durch eine Überzeugung?
Auszüge aus diesem Zeitraum
Für diesen Zeitraum liegt in den hier verwendeten Ausgaben noch kein geprüfter Auszug vor. Sobald einer vorliegt, wird er an dieser Stelle mit Datum und Quellenangabe ergänzt.
Ein Essay der TAEONIA-Redaktion. Zitiert wird nur aus gemeinfreien Texten.