John Evelyn: Tagebuch, Auszüge und Lesehilfe
Lebensdaten: 1620–1706 · Aufgezeichneter Zeitraum: die Einträge der gedruckten Ausgabe reichen über weite Teile der Jahre 1640 bis 1706, dazu kommen frühere Aufzeichnungen aus der Jugend · Form: datiertes Tagebuch mit späterer Überarbeitung
John Evelyn hat zeitlebens aufgeschrieben, was er gesehen hat, und weil dieses Leben sechsundachtzig Jahre dauerte, spannt sich sein Tagebuch über den größten Teil eines Jahrhunderts: über die Umbrüche um die englischen Bürgerkriege, über die Restauration und über die Veränderung der Räume, in denen Menschen damals lebten. Man liest es oft neben Samuel Pepys, doch es beantwortet andere Fragen. Evelyn interessiert sich für das Aussehen von Städten, Häusern und Gärten, für den Ablauf des kirchlichen und öffentlichen Lebens und für die Erinnerung an Reisen. Wo eine eilige Tagesnotiz festhalten würde, dass ein Freund vorbeikam, beschreibt Evelyn ein Haus, eine Sammlung, einen Garten oder eine Einrichtung und begründet, warum die Sache Beachtung verdient. So entsteht ein Text, der abwechselnd wie ein Reiseheft, wie eine Familienchronik und wie eine bürgerliche Bestandsaufnahme wirkt.
Eine Eigenheit gehört von Anfang an dazu: Die frühen Teile sind nicht am selben Tag entstanden. Evelyn hat Material gesammelt, geordnet und später überarbeitet, und die zweibändige gedruckte Ausgabe ist kein Stapel unberührter Notizen aus dem Augenblick. Auch die Datierung auf diesen Seiten folgt der Ausgabe und nicht einer nachträglichen Umrechnung: Der Neujahrseintrag von 1650 steht dort in der alten Jahreszählung als 1649–50. Wer das weiß, liest anders. Die Frage lautet dann nicht nur, was ein Satz berichtet, sondern auch, wann er geschrieben wurde und wie viel spätere Kenntnis in ihm steckt. Das macht das Tagebuch nicht unbrauchbar, es verlangt eine zusätzliche Unterscheidung: erste Beobachtung hier, spätere Deutung dort, überall da, wo die Quelle das noch erkennen lässt.
Der Ton wechselt stark. Ein paar Zeilen genügen für eine Krankheit oder eine beglichene Rechnung; ein anderer Eintrag verfolgt die Anlage eines Gartens, das Aussehen einer Kirche oder den Verlauf einer Reise über mehrere Absätze. Diese Ungleichheit ist kein Mangel. Sie erinnert daran, dass sich das Gewicht eines Tages nicht an der Länge des Eintrags ablesen lässt. Eine kurz gemeldete Nachricht kann die Zukunft einer Familie verändern, während ein langer Abschnitt über einen Ort vor allem die Neugier des Beobachters und die Bildung zeigt, die ihn geformt hat.
Evelyn ist dabei keine neutrale Kamera. Er urteilt über religiöse und politische Vorgänge in der Sprache seiner Bindungen, und er schreibt aus einer bestimmten gesellschaftlichen Lage heraus: gebildet, wohlhabend genug zum Reisen, mit Zugang zu einflussreichen Leuten. Diese Urteile erklären, was er überhaupt bemerkt, was er verwirft und welche Begegnung ihm wichtig erscheint. Ein Tagebuch gut zu lesen heißt, solche Urteile als Zeugnis über den Schreibenden stehen zu lassen, statt sie stillschweigend in die eigenen Schlüsse zu überführen. Hilfreich ist es, drei Schichten auseinanderzuhalten: selbst Gesehenes, Gehörtes und Bewertetes. Bei Evelyn stehen sie oft in einem Absatz nebeneinander und haben doch verschiedenes Gewicht.
Für ein heutiges Tagebuch liegt der Gewinn weniger in Evelyns Überzeugungen als in seiner Arbeitsweise. Er notiert den Ort, die Person, den Gegenstand und den Grund, warum die Sache damals zählte. Besonders brauchbar ist das bei Vorhaben, die lange dauern. Die Notiz über den ovalen Garten in Sayes Court hält fest, wie ein Anfang aussah; dadurch wird die Veränderung später überhaupt messbar. Dasselbe Verfahren trägt bei einer Renovierung, einer Recherche, einer Familienangelegenheit oder beim Erlernen einer Fähigkeit. Und wer nach Jahren zu einem Eintrag zurückkehrt, fügt besser eine eigene, datierte Ergänzung an, als den alten Text umzuschreiben. Dann bleibt beides erhalten: was geschah und wie man es später verstand.
Das Tagebuch nach Zeiträumen
- Studium, Familie und ein geteiltes Land — 1637–1649
- Reisen, Ehe und der Aufbau eines Hauses — 1650–1659
- Öffentliches Leben und eigene Vorhaben — 1660–1684
- Späte Jahre und Erinnerung — 1685–1706
Wie das Tagebuch geschrieben ist
Ton und Stimme
Gemessen, gebildet, beschreibend und oft ausdrücklich moralisch oder religiös. Weit ausgreifende Schilderungen wechseln mit knappen Meldungen aus dem Haushalt. Die sachliche Form bedeutet nicht, dass keine Überzeugungen im Spiel wären; sie sind nur selten als Meinung gekennzeichnet.
Wiederkehrende Formen
Datierte Reise- und Besuchsberichte, Aufzählungen zu Gärten und Gebäuden, dazu Verben wie went, saw, dined und returned. Der Satz verbindet meist Ort, Person und Handlung. Wertende Formeln wie excellent oder curious liest man am besten zusammen mit den Einzelheiten, die sie begründen.
Häufige Themen
Reisen, Architektur, Sammlungen, Gartenbau, Religion, Familie, Vorgänge bei Hof und im Staat, Krankheit, Wohltätigkeit und eigenes Studium. Welches dieser Themen zahlenmäßig überwiegt, ließe sich nur mit einer Auszählung des gesamten Textes sagen; diese Seite behauptet es nicht.
Veränderungen im Lauf des Tagebuchs
Die frühen Teile geben Studium, Reise und Sammeln viel Raum. Spätere Einträge nehmen größere häusliche Verpflichtungen und das öffentliche Leben auf. Manche Passagen wurden erst nachträglich ausgeweitet, deshalb kann eine Verschiebung ebenso von der Überarbeitung herrühren wie von einer wirklichen Veränderung im Leben.
Was diese Lesart nicht behauptet
Es handelt sich um redaktionelle Beobachtungen an den genannten Ausgaben, nicht um eine psychologische Deutung der Person und nicht um die Behauptung, jede erhaltene Seite sei dafür geprüft worden.
Für das eigene Tagebuch
- Welche kleine Einzelheit des heutigen Tages könnte in einem Jahr noch etwas bedeuten?
- Wie beschreibe ich mein laufendes Vorhaben so, dass die Veränderung später sichtbar wird?
Die Ausgabe und die Rechte
Ausgabe. Herausgeber William Bray; Band I enthält zusätzlich eine historische Einleitung von Richard Garnett.
Was die Ausgabe umfasst. Die zweibändige gedruckte Ausgabe. Wegen der Vorgeschichte in Evelyns Heften und wegen seiner späteren Überarbeitungen ist sie keine wortgetreue Mitschrift vom Tag des Geschehens.
- The Diary of John Evelyn, Band 1 von 2 — Project Gutenberg Nr. 41218 — dort als gemeinfrei in den USA geführt.
- The Diary of John Evelyn, Band 2 von 2 — Project Gutenberg Nr. 42081 — dort als gemeinfrei in den USA geführt.
Der Tagebuchschreiber ist lange genug tot, dass seine Schriften nicht mehr geschützt sind, und auch die genannten Herausgeber sind vor mehr als siebzig Jahren gestorben. Das ist eine Prüfung auf Ausgabenebene, keine weltweite Rechtsgarantie: Ausgabe, Land und jedes moderne redaktionelle Beiwerk wie Einleitungen, Anmerkungen oder Abbildungen müssen geprüft werden, bevor mehr als kurze Auszüge erneut veröffentlicht werden. Für die Dateien von Project Gutenberg gelten deren eigene Nutzungsbedingungen.
Ein Essay der TAEONIA-Redaktion. Zitiert wird nur aus gemeinfreien Texten.
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