Thoreaus Journal 1837–1840: sehen und schreiben lernen
Zeitraum: 1837–1840
Von der ersten Eintragung zur Gewohnheit
Der Beginn eines Tagebuchs ist selten feierlich. Bei Thoreau steht am 22. Oktober 1837 eine fremde Frage, und die Antwort darauf ist der erste Eintrag. Damit ist von der ersten Zeile an das Schreiben selbst ein Gegenstand des Hefts: Es wird nicht vorausgesetzt, es wird begründet.
Was danach folgt, ist ein Suchen nach der passenden Größe einer Notiz. Ein Gespräch, ein Vogel auf dem Wasser, eine gelesene Seite, ein Vergleich – jedes davon kann für sich allein ein Eintrag sein. Nichts zwingt den jungen Schreiber, aus jedem Fund ein abgeschlossenes Argument zu machen. Wer diese Monate liest, sollte deshalb nicht in jedem Datum eine Einsicht erwarten. Das Fragment ist hier eine ehrliche Einheit des Denkens.
Worauf sich beim Lesen achten lässt
Interessant ist der Moment, in dem eine gegenständliche Einzelheit anfängt, einen allgemeinen Satz zu tragen. Der Schnee sieht aus wie ein Waschtag, und aus dem häuslichen Bild wird ein Blick, der die ungleiche Decke über Hügeln und Wiesen überhaupt erst lesbar macht. Ein absterbender Teil der Natur führt binnen eines Satzes zu einer Aussage über das Vergehen im Allgemeinen. Ob dieser Schritt jeweils trägt, darf offenbleiben; sichtbar ist zumindest, wie er gemacht wird.
Zwei Trennungen helfen der Lektüre. Erstens gehören die eigenen Sätze Thoreaus und die Zitate anderer Autoren, die er abschreibt, nicht in denselben Topf. Zweitens stammen die kurzen Themenüberschriften der Druckausgabe von 1906 vom Herausgeber. Sie ordnen den Band, sie sind kein Tagebuchtext.
Für das eigene Tagebuch
Beginnen Sie mit etwas Angetroffenem statt mit einem Thema, über das Sie eigentlich schreiben müssten. Notieren Sie ein Geräusch oder eine Veränderung des Lichts, und fragen Sie erst danach, woran es Sie erinnert. Welche Beobachtung von heute können Sie festhalten, bevor Sie sie deuten?
Auszüge aus diesem Zeitraum
Kurze Auszüge aus der auf der Führungsseite genannten gemeinfreien Ausgabe. Der englische Wortlaut folgt der Ausgabe, die deutsche Übersetzung ist redaktionell. Ein Auszug, der mitten im Satz endet, ist ein Auszug und kein vollständiger Eintrag.
22. Oktober 1837
“What are you doing now?” he asked. “Do you keep a journal?” So I make my first entry to-day.
Übersetzung: „Was machst du jetzt?“, fragte er. „Führst du ein Tagebuch?“ Also mache ich heute meinen ersten Eintrag.
Die Praxis entsteht aus einem Gespräch, und der erste Eintrag hat das Tagebuch selbst zum Thema. Ausgabe
24. Oktober 1837
Every part of nature teaches that the passing away of one life is the making room for another.
Übersetzung: Jeder Teil der Natur lehrt, dass das Vergehen eines Lebens Platz für ein anderes schafft.
Ein natürlicher Vorgang geht unmittelbar in eine allgemeine Aussage über. Ausgabe
27. Oktober 1837
The prospect is limited to Nobscot and Annursnack.
Übersetzung: Die Aussicht reicht nur bis Nobscot und Annursnack.
Bevor Thoreau über getrübte Wahrnehmung spricht, nennt er die sichtbare Grenze der Landschaft. Ausgabe
29. Oktober 1837
Two ducks, of the summer or wood species, which were merrily dabbling in their favorite basin, struck up a retreat on my approach, and seemed disposed to take French leave, paddling off with swan-like majesty.
Übersetzung: Zwei Enten, von der Sommer- oder Waldart, die vergnügt in ihrem Lieblingsbecken gründelten, bliesen bei meinem Näherkommen zum Rückzug und schienen sich auf Französisch empfehlen zu wollen, indem sie mit schwanengleicher Würde davonruderten.
Die genaue Beobachtung wird durch ein scherzhaft militärisches und gesellschaftliches Vokabular belebt. Ausgabe
16. November 1837
The snow gives the landscape a washing-day appearance,—here a streak of white, there a streak of dark; it is spread like a napkin over the hills and meadows.
Übersetzung: Der Schnee gibt der Landschaft das Aussehen eines Waschtags – hier ein weißer Streifen, dort ein dunkler; er liegt über Hügeln und Wiesen ausgebreitet wie eine Serviette.
Ein häusliches Bild macht die ungleiche Winterdecke erst lesbar. Ausgabe
17. November 1837
We have always a resource in the skies.
Übersetzung: Am Himmel haben wir stets einen Rückhalt.
Der kurze Satz wächst aus einer Passage über das wechselnde Licht des Tages. Ausgabe
8. Dezember 1837
It would thus be possible for inferior minds to produce invaluable books.
Übersetzung: So könnten auch weniger bedeutende Geister unschätzbare Bücher hervorbringen.
Über der Lektüre verbindet Thoreau den Wert eines Buchs mit der Treue der Beschreibung, nicht mit dem Rang des Verfassers. Ausgabe
10. Dezember 1837
Not the carpenter alone carries his rule in his pocket.
Übersetzung: Nicht nur der Zimmermann trägt seinen Maßstab in der Tasche.
Ein Werkzeug zum Messen wird zum Bild für die menschliche Wahrnehmung. Ausgabe
19. Dezember 1837
Hell itself may be contained within the compass of a spark.
Übersetzung: Die Hölle selbst mag im Umkreis eines Funkens Platz finden.
Das knapp zusammengezogene Bild zeigt die aphoristische Seite des Journals. Ausgabe
Ein Essay der TAEONIA-Redaktion. Zitiert wird nur aus gemeinfreien Texten.