Henry David Thoreau: Tagebuch aus Concord
Lebensdaten: 1817–1862 · Zeitraum: das Journal reicht von 1837 bis 1861; hier gelesen werden 1837–1846 und 1850 bis 15. September 1851 · Form: beobachtendes, nachdenkliches Journal
Henry David Thoreau begann sein Journal im Herbst 1837, mit zwanzig Jahren. Die erste Eintragung hält fest, woher der Anstoß kam: Jemand hatte ihn gefragt, ob er ein Tagebuch führe. Der Anfang ist damit kein Vorsatz und kein Programm, sondern eine Antwort. Wer die Hefte von vorn liest, sieht einem Menschen dabei zu, wie er sich eine Form sucht – und wie diese Form ihn nach und nach zu einem bestimmten Blick erzieht. Das Schreiben folgt hier keiner fertigen Philosophie, es bringt sie mit hervor.
Das Journal wird gern mit den Wäldern um Concord in Massachusetts gleichgesetzt, doch sein Gegenstand ist nicht die Kulisse. Thoreau geht immer wieder denselben Weg vom Einzelnen zum Allgemeinen: Schnee auf den Hügeln erinnert ihn an einen Waschtag, zwei Enten bekommen ein militärisches Vokabular, ein natürlicher Vorgang wird zum Anlass für einen Satz über Vergehen und Platzmachen. Manchmal trägt der Übergang, manchmal nicht. Genau das macht die Lektüre ergiebiger als eine Sammlung fertiger Aphorismen: Man sieht den Abstand zwischen Beobachtung und Schluss und kann selbst prüfen, ob der Schluss hält. Oft ist die Beobachtung die stärkere Hälfte.
Wichtig ist, das Journal nicht mit dem Buch „Walden“ zu verwechseln. Das Buch ist ein durchkomponierter Text mit einem Argument; die Hefte sind Werkstatt, und in ihnen steht auch, was in das Bild vom Einsiedler schlecht passt. Am 2. Januar 1851 notiert Thoreau die Fläche eines Fabriksaals, die Zahl der Webstühle und die Bauart der Spindeln. Im Januar 1841 hört er die Schritte der Hausarbeit durch die Dielen. Im September 1851 steht der Frost im Eimer neben dem Auftrag, die Stadtgrenzen abzuschreiten – bezahlte Feldarbeit, kein Naturgedicht. Wer Thoreau nur als Anwalt der Einsamkeit liest, überliest die Zahlen, die Geräte und die Arbeit.
Auch die Textgrundlage verlangt Genauigkeit. Diese Seiten stützen sich auf zwei Bände der von Bradford Torrey betreuten Ausgabe von 1906, die bei Project Gutenberg vorliegen. Der erste deckt vorwiegend 1837 bis 1846 ab, der zweite reicht von 1850 bis zum 15. September 1851. Zusammen sind das nicht das vollständige Journal von 1837 bis 1861. Die Jahre dazwischen und danach stehen in weiteren Bänden, die einzeln beschafft und rechtlich geprüft werden müssten; eine durchgehende Erzählung über den Bruch hinweg lässt sich aus diesen beiden Dateien nicht bauen. Ebenso wenig ist ein gedruckter Band eine Fotografie jeder Heftseite: Der Herausgeber spricht selbst von Auslassungen und Eingriffen.
Dazu kommt eine Feinheit, die leicht übersehen wird. Die kurzen Themenüberschriften der Druckausgabe von 1906 stammen vom Herausgeber, nicht von Thoreau. Sie ordnen den Text für den Leser, sie sind aber keine Tagebuchsätze und dürfen nicht als solche zitiert werden. Dasselbe gilt für Passagen, die Thoreau aus Goethe oder anderen Autoren abgeschrieben hat: Sie stehen in seinem Heft, sie sind deshalb noch nicht seine Meinung. Das Datum eines Auszugs gehört zum datierten Eintrag der Ausgabe, nicht zur Überschrift darüber.
Für das eigene Schreiben ist an Thoreau die Arbeitsweise nützlicher als der gehobene Ton einzelner Sätze. Erst die Beobachtung so festhalten, dass ein anderer Mensch den heutigen Tag vom gestrigen unterscheiden könnte. Dann getrennt davon die Vermutung nennen, die sie ausgelöst hat. Zuletzt die Frage stehen lassen, die sich beim nächsten Mal prüfen lässt. Eine bekannte Straße, der Baum vor dem Fenster oder eine gewöhnliche Besprechung geben dafür genug her. Die Wiederholung erzeugt Vergleichsmaterial und zeigt mit der Zeit, wo sich der Gegenstand ändert und wo nur die eigene Erwartung.
Das Journal erlaubt auch Unfertigkeit. An einem Tag stehen dort drei Zeilen über Vögel und Frost, am nächsten eine lange Überlegung. Regelmäßige Aufmerksamkeit heißt nicht gleicher Umfang. Wer so schreibt, sammelt Beobachtungen, bevor klar ist, wozu sie einmal gut sind.
Das Tagebuch nach Zeiträumen
- Thoreaus Journal 1837–1840: sehen und schreiben lernen — 1837–1840
- Thoreaus Journal 1841–1844: die Schule der Aufmerksamkeit — 1841–1844
- Thoreaus Journal 1845–1846: Walden und das frühe Heft — 1845–1846
- Thoreaus Journal 1850–1851: ein eigener später Band — 1850–1851
Wie das Tagebuch geschrieben ist
Ton und Stimme
Suchend, aphoristisch, sinnlich genau und gelegentlich absichtlich widerborstig. Ein kleiner Fund im Freien wird zur Frage nach der Wahrnehmung oder nach dem richtigen Verhalten. Die scherzhaft beschriebenen Enten, die nüchternen Fabrikzahlen und die Ermahnung, Musik andächtig zu hören, gehören alle in dasselbe Heft.
Wiederkehrende Formen
Auf eine datierte Beobachtung folgt oft ein allgemeiner Satz, ein Naturbild oder ein Versuch am Wortmaterial. Häufig sind Wendungen wie I see, I hear, I think, Fragen an sich selbst und ein verallgemeinerndes we. Der Vergleich übersetzt das Fremde in ein häusliches Maß: Schnee wie eine Serviette über Hügeln und Wiesen.
Häufige Themen
Wetter und Jahreszeiten, Pflanzen und Tiere, die Landschaft um Concord, Gehen und Beobachten. Daneben Bücher, Freundschaft, Einsamkeit, Zeit, Arbeit, Technik und das Verhältnis von Sehen und Denken. Eine Rangfolge der Themen wurde nicht ausgezählt.
Veränderung über die Bände
Im frühen Band überwiegen kurze philosophische Versuche und Notizen zur Lektüre. Später werden die Beobachtungen ausführlicher und gegenständlicher; 1851 treten Zahlen, Geräte und wiederholtes Nachsehen hinzu, ohne dass die Aphorismen verschwinden. Wie sich das Journal bis 1861 weiterentwickelt, lässt sich aus diesen zwei Bänden nicht ableiten.
Was vom Herausgeber stammt
Themenüberschriften, Einleitungen und Anmerkungen der Ausgabe von 1906 sind redaktioneller Apparat. Sie helfen beim Finden, sie sind keine Sätze Thoreaus.
Vorbehalt
Die Einschätzungen auf dieser Seite sind redaktionelle Lesarten der genannten Ausgaben. Sie sind keine psychologische Deutung und keine Behauptung, jede erhaltene Heftseite sei geprüft worden.
Für das eigene Tagebuch
- Welche Beobachtung von heute lässt sich notieren, bevor sie gedeutet wird?
- Was am heutigen Eintrag ist gemessen, und was ist nur ein Eindruck?
Die Ausgabe und die Rechte
Ausgabe. The Writings of Henry David Thoreau, Bände VII und VIII, herausgegeben von Bradford Torrey, Houghton, Mifflin, 1906.
Was die Ausgabe abdeckt. Band VII enthält das Journal von 1837 bis 1846, Band VIII die Zeit von 1850 bis zum 15. September 1851. Diese beiden Bände sind nicht das vollständige Journal von 1837 bis 1861; die späteren Bände müssten einzeln beschafft und geprüft werden.
- Project Gutenberg Nr. 57393 — dort als gemeinfrei in den USA verzeichnet, Journal 1837–1846.
- Project Gutenberg Nr. 59031 — dort als gemeinfrei in den USA verzeichnet, Journal 1850 bis 15. September 1851.
Der Verfasser schrieb lange genug vor unserer Zeit, um aus dem Urheberrechtsschutz gefallen zu sein, und die genannten Herausgeber sind vor mehr als siebzig Jahren gestorben. Das ist eine Prüfung auf Ausgabenebene, keine weltweite Rechtsgarantie: Ausgabe, Land und jeder moderne redaktionelle Zusatz sind zu prüfen, bevor mehr als kurze Auszüge veröffentlicht werden. Für die Dateien von Project Gutenberg gelten dessen eigene Nutzungsbedingungen. Der vollständige Tagebuchtext steht nicht auf dieser Seite; hier stehen kurze, datierte Auszüge mit Kommentar.
Ein Essay der TAEONIA-Redaktion. Zitiert wird nur aus gemeinfreien Texten.
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