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Alle berühmten Tagebücher

Samuel Pepys: Tagebuch, Auszüge und Lesehilfe

Lebensdaten: 1633–1703 · Aufgezeichnet: 1660–1669 · Form: täglich geführtes Tagebuch

Im Januar 1660 fängt ein Angestellter einer Londoner Behörde an, Tag für Tag aufzuschreiben, was ihm zustößt. Samuel Pepys wohnt zu dieser Zeit beengt, hängt vom Wohlwollen eines Gönners ab und rechnet regelmäßig nach, wie viel er besitzt. Neuneinhalb Jahre später, Ende Mai 1669, bricht die Aufzeichnung ab. Dazwischen liegen die Rückkehr der Monarchie, eine Pestepidemie, ein Krieg, der Brand von London — und mehrere tausend gewöhnliche Tage, die im selben Tonfall verzeichnet sind wie die Katastrophen.

Dieses Nebeneinander ist der Grund, warum das Tagebuch als historische Quelle so viel hergibt. Dienstgeschäfte, Schiffsangelegenheiten und politische Nachrichten stehen zwischen Mahlzeiten, Botengängen, Streitigkeiten und Zahlungen. Eine Krise wird eben nicht als geschlossenes Kapitel erlebt. Während die Stadt brennt, muss man immer noch Kleider kaufen, Briefe beantworten, sich um Geld sorgen und Pläne für die kommende Woche machen. Pepys bewahrt diese Ablenkungen auf, statt sie im Rückblick wegzuräumen, und deshalb liest man bei ihm nicht die geordnete Geschichte eines Ereignisses, sondern die ungeordnete Zeit, in der es stattfand.

Besonders deutlich wird das am Beginn des Brandes. In der Nacht vom 2. September 1666 wird Pepys geweckt, tritt ans Fenster, schätzt das Feuer als weit genug entfernt ein und legt sich wieder hin. Diese Fehleinschätzung bleibt stehen. Er korrigiert sie nicht nachträglich mit dem Wissen darüber, was aus dem Feuer wurde. Ähnlich kommt die Pest nicht als Statistik in den Text, sondern als ein Anblick in der Drury Lane: rote Kreuze an zwei oder drei Türen, gesehen, wie er ausdrücklich schreibt, sehr gegen seinen Willen. Ein Tagebuch kann bezeugen, wie jemand von einer Gefahr erfährt — eine spätere Darstellung kann das nicht mehr.

Literarisch lebt der Text vom Tempo. Kurze Anfänge, aneinandergehängte Wege und Besuche, dazu eine feste Schlussformel: so kommt ein voller Tag auf eine halbe Seite. In diesen Ablauf hinein platzt dann ein Geständnis — Unbehagen nach dem Trinken am Vorabend, Einsamkeit, wenn die Frau verreist ist, Zweifel bei einem zu teuren Geschenk. Solche Unterbrechungen verändern den Sinn der umliegenden Aufzählung. Hinter dem Terminkalender standen offenbar nicht nur Pflichten, sondern auch Appetit, Eitelkeit, Verlegenheit und die Abhängigkeit von fremden Urteilen. Das Porträt entsteht aus der Wiederholung, nicht aus einer einzigen ausführlichen Selbstbeschreibung.

Offenheit heißt dabei nicht Unparteilichkeit. Pepys urteilt über Bekannte aus der Position eines Mannes mit Amt, Geld und Dienstboten, und er lässt Widersprüche stehen, deren Tragweite er selbst nicht überblickt. Wer das Tagebuch liest, darf der Wertung widersprechen und das Zeugnis trotzdem schätzen. Hinzu kommt der Weg des Textes: Die Kurzschrift wurde entziffert, übertragen und redigiert, ehe sie gedruckt wurde. Die Unmittelbarkeit ist eine echte Leseerfahrung, aber sie ist nicht dasselbe wie ein direkter Blick in die Handschrift.

Für die eigene Praxis lässt sich daraus etwas sehr Konkretes ableiten: erst festhalten, was geschehen ist, und später entscheiden, was es bedeutet hat. Der Betrag, der Sorgen gemacht hat. Das Gespräch, das einen Plan gekippt hat. Das Stück Musik, das den Abend gerettet hat. Die Aufgabe, die wieder liegen blieb. Einzeln sagen diese Kleinigkeiten wenig, über ein Jahr hinweg zeigen sie Gewohnheiten, die das Gedächtnis von selbst glättet. Und Pepys zeigt noch etwas: Selbstbeobachtung muss ihren Verfasser nicht sympathisch machen. Ehrlichkeit kann darin bestehen, den unbequemen Widerspruch auf der Seite stehen zu lassen, statt ihn in eine Lehre zu verwandeln.

Der letzte Eintrag fügt ein Thema hinzu, das ein Tagebuch sonst selten behandelt: die Bedingungen, unter denen überhaupt geschrieben werden kann. Wegen seiner Augen rechnet Pepys damit, das Tagebuch nicht mehr eigenhändig führen zu können, und ihm ist klar, dass sich damit auch ändert, was er über sich sagen wird. Schreiben hängt an Zeit, Gesundheit und daran, wer mitliest.

Das Tagebuch nach Zeiträumen

Wie das Tagebuch geschrieben ist

Ton und Stimme

Ausgreifend, geschäftig, freimütig, gelegentlich selbstzufrieden und komisch ungeduldig. Eigene Bedürfnisse und Amtspflichten stehen im selben Satz, ohne dass der Verfasser sie voneinander trennt.

Wiederkehrende Formeln

Ein knappes «Up» eröffnet den Tag; Verbindungswörter wie «thence» hängen mehrere Termine zu einem Atemzug zusammen; Abrechnen, Besuchen, Essen und ein abschließendes «so to bed» beenden viele Einträge. Die Wiederholung hat einen praktischen Zweck: Für jeden Tag muss keine neue Form erfunden werden. Rechtschreibung und Zeichensetzung der gedruckten Fassung stammen allerdings aus der Entzifferung und der Redaktion, nicht unverändert aus der Hand des Verfassers.

Häufige Themen

Marineverwaltung und Patronage; Preise, Haushaltsfinanzen und Geschenke; Besuche, Musik, Aufführungen, Ehe, körperliches Unwohlsein und Tagespolitik. In den Krisenjahren treten Pest, Feuer und Krieg hinzu, ohne das Übrige zu verdrängen.

Veränderungen im Lauf der Jahre

Die frühen Einträge kreisen um eine unsichere Anstellung und die Nähe zu Gönnern; später kommen der Druck einer leitenden Stellung in der Marineverwaltung und größere öffentliche Krisen dazu. Das ist eine thematische Verschiebung und keine Behauptung, der Charakter habe sich plötzlich geändert.

Vorbehalt

Das sind redaktionelle Lesarten der genannten Ausgaben, keine psychologischen Diagnosen — und keine Behauptung, für diese Seite sei jede überlieferte Seite des Tagebuchs geprüft worden.

Für das eigene Tagebuch

  • Welche nebensächliche Einzelheit oder Planänderung von heute wäre in zehn Jahren noch interessant, wenn Sie sie jetzt aufschreiben?
  • Wie sah eine Lage aus, bevor Sie wussten, wie sie ausgeht — und steht das noch irgendwo, oder haben Sie es schon überschrieben?

Die Ausgabe und die Rechte

Ausgabe. Henry B. Wheatley; Übertragung aus der Kurzschrift durch Mynors Bright; frühere redaktionelle Arbeit von Lord Braybrooke.

Was die Ausgabe umfasst. Die vollständige Gutenberg-Ausgabe des veröffentlichten Tagebuchs von 1660 bis 1669. Die ursprüngliche Kurzschrift ist darin nicht wiedergegeben. Auf dieser Website stehen kurze, datierte Auszüge, nicht der Tagebuchtext.

Der Verfasser hat lange genug vor unserer Zeit geschrieben, um urheberrechtlich frei zu sein, und die genannten Herausgeber sind vor mehr als siebzig Jahren gestorben. Das ist eine Prüfung auf Ausgabenebene und keine weltweite Rechtsgarantie: Vor einem Nachdruck, der über kurze Auszüge hinausgeht, sind die Ausgabe, das jeweilige Land und alle neueren redaktionellen Bestandteile einzeln zu klären. Für die Dateien von Project Gutenberg gelten dessen eigene Nutzungsbedingungen.

Ein Essay der TAEONIA-Redaktion. Zitiert wird nur aus gemeinfreien Texten.

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